Übertraining ein Erfahrungsbericht von Carola Skarabela 

Übertraining, ein unschönes Wort und jeder denkt gleich an tausende Kilometer und Stunden über Stunden auf dem Rad. Aber schon gar nicht, dass es einen selber treffen könnte. Dann ist es so weit und es geht nichts mehr. Burn Out. Ich habe es ja schon geahnt, dass mein Lebensstil nicht auf Dauer gut gehen kann, aber das konnte ich erfolgreich von mir wegschieben. Nach meiner Trennung vor 2,5 Jahren fühlte ich mich ein bisschen ohne Boden und auf der „Flucht“. Da mir meine Arbeit extrem viel Spass macht und mich ausfüllt, konzentrierte ich mich komplett darauf. 

Das Training, vor allem das Radfahren ist mir sehr wichtig, es ist ein Teil von meinem Job, aber auch eine Art Therapie: Stunden für sich alleine auf dem Rad, Nachdenken, Musik hören, sich auspowern aber auch aktive Meditation. Da ich auch Wettkämpfe fahre und eigentlich nicht in diese Situation geraten wollte, dass man zu viel oder zu wenig macht, arbeite ich seit Jahren mit Trainern. Seit letzten Winter haben ich einen neuen Trainer, der allerdings an dem jetzigen Zustand wirklich keine Schuld hat. Da es mein Fehler war, ihm nicht klar zu kommunizieren, was ich in der Arbeit so treibe. „Wenig Zeit“ im Kalender war für mich 1000 km im VW Bus durch ganz Deutschland und dann noch Events und Messen, für ihn ein kurzer Termin … Ganz klar mein Kommunikationsfehler. Ich war überzeugt, dass ich die Wochen wo ich „On Tour“ war, hervorragend als Regenerations-Woche verwenden kann. Da ich ja „nur“ im Auto sitze oder „nur“ am Stand auf Messen oder Events stehe. Aber die Regenerations-Woche bedeutet nicht null Sport, also Wecker um 5 Uhr, Training und dann ab an den Stand. Nicht vergessen noch alles Vorzukochen, da ich nicht auf meine „gekeimten-veganen-zuckerfreien-biologischen“ Mahlzeiten verzichten wollte. In Wahrheit hat mich das ständige „auf Achse“ sein sehr viele Körner gekostet. Ich war so gut wie jedes Wochenende unterwegs, ob auf Wettkampf oder auf Messen/Events. Aber es hat mir auch alles Spass gemacht. 

Yoga, keine Zeit mehr, mal Abends weggehen, keine Zeit, weil ich eh schon wieder die Taschen packen musste. So hat sich das eingespielt, dass ich ausser Arbeiten und Radfahren nicht mehr viel gemacht habe. Ende Mai, nach einem langen Trip durch ganz Deutschland, ich glaube es waren dann 15 Stunden im VW Bus, war dann der Tag X wo mein Körper den Stecker gezogen hat. 

Da ich Schilddrüsen Unterfunktion habe und meine Hormone nicht so ganz rund laufen, habe ich immer mit dem Gewicht ein paar Probleme, was aber auch eine Art „Radfahrer-Krankheit“ sein kann. 

Erste Anzeichen:

Ich hab schon gemerkt, dass mein Gewicht/Körper sich veränderte, obwohl ich sehr darauf achte was und wie ich mich ernähre. Das ganze Thema Ernährung finde ich unheimlich spannend und ich arbeite mit einigen Ernährungsberaterinnen zusammen. Ziemlich schnell ging es dann mit dem Gewicht nach oben. Gefühlt wie von einem Tag auf dem anderen geht die Hose, die gestern noch locker war, nicht mehr zu! Natürliche Konsequenz: Lange Grundlagen-Einheiten, die rein gar nichts geholfen haben, absolut kontraproduktiv sind und den Teufelskreis nur verstärken.
Anfang Juni war dann das letzte wichtige Event, verbunden mit meiner Arbeit: Der GF Alé la Merckx. Aber ich wollte dieses Rennen, auch gut fahren. Startschuss und los ging es. Schon auf der Geraden hatte ich meine Probleme an der Gruppe dran zu bleiben, was eigentlich für mich noch nie schwer war, im Flachen bin ich definitiv stärker als am Berg. Dann kam der erste Anstieg, kurzatmig, Muskelschmerzen, keine Power und auch keine Motivation, sich bis an die Kotz-Grenze zu treiben. Kommentare von anderen, ob ich heute zum „Spazierenfahren“ dabei wäre, obwohl ich am Anschlag war, haben mir dann den Rest gegeben. Ich bin die Runde zu Ende gefahren aber ohne größere Anstrengung oder Bemühungen.  
Ich habe mich dann noch eine Woche weiter geschleppt, müde, Muskelschmerzen, immer „fetter“. 

Was ein weiteres Indiz für mich war, dass etwas nicht stimmt: Mein Ruhepuls. Dank meiner Garmin-Uhr die den Puls immer am Handgelenk misst, ist mir auf gefallen, dass mein Ruhepuls um die 55 lag … knappe 10 Schläge mehr als normal.
Am 16. Juni war ich ein weiteres mal im Oxygen Hotel in Rimini eingeladen zum GF Riccione, allerdings nur für Video und Social Media. Ich schleppte mich so über den Tag … und am Abend kam mir die Erleuchtung. Google gab mir meine Bestätigung. Nächster Schritt war meinen Trainier zu informieren der mir die Ohren lang gezogen hat, zu recht. Selbstdiagnose: Übertraining.

Meine Symptome:

  • Menstruations-Ausbleiben 6 Monate
  • ca. 7 Kilo zugenommen in extrem kurzer Zeit
  • Muskelschmerzen (hab ich sonst nie)
  • Erhöhter Ruhepuls
  • Müdigkeit

Beim Übertraining liegt es nicht daran, dass man so extrem wahnsinnig viel Sport macht, nein es fehlt komplett die Regeneration, die Erholung. Es betrifft viele die Job, Familie und dann noch leistungsorientiert Sport betreiben. Bei mir waren es ganz klar die vielen Reisen. Kaum daheim schon wieder los. Ständig aus der Tasche leben. Ich habe es dennoch recht schnell erkannt und habe sofort alles gestoppt. Zum Glück sind die Sommermonate in meiner Arbeit ruhig, und ich konnte mal durchatmen. Das Rad komplett für einige Wochen nicht angefasst, nur spazieren und wandern gewesen und das Stand Up Pedal für mich entdeckt.
Die Zeit hat mir sehr gut getan und ich hatte das Gefühl wie ein ICE von 300 auf null im Sand zu stecken. Aber ehrlich gesagt sind so viele positive Sachen in dieser Zeit passiert, die ich vorher nicht gesehen hatte oder die nicht zu mir durch gekommen sind. Ich sehe das alles positiv und versuche daraus zu lernen. Nach der Pause habe ich meine Tage wieder bekommen, was für mich ein sehr gutes Zeichen war. Ich habe Gabriela Hoppe kennen gelernt, die sich mit Leistungssport, Naturheilkunde und Ernährung befasst und mit Ihr habe ich eine Kur gestartet. Mal sehen was meine Blutwerte beim nächsten Check Up in einem Monat sagen.
Mein ideal Gewicht liegt bei ca. 55 Kilo, ich denke, dass ich mindest auf 63 Kilo gekommen bin, ich habe mich nicht gewogen aber ausgemessen. Leider „Zwang“ mich Gabriela auf die Waage, es waren dann 60 Kilo, aber da hatte ich auch schon wieder etwas Umfang verloren. 

Fakten: 

  • Erkennung des Problems Übertraining am 16. Juni
  • 17. Juni Trainingsstop
  • Easy Start 08. Juli
  • Trainingsaufbau Giro delle Dolomiti 
  • Blutwerte zeigen deutliche Dysbalancen und schlechte Regeneration

Ich war ernsthaft in Sorge, dass ich den Giro delle Dolomiti nicht mitfahren kann, der bloße Gedanke an die langen Anstiege und vor allem das Tasche packen haben schon zur Schnappatmung geführt. Mein Trainer war allerdings sehr zuversichtlich und meinte „Caro, alles easy ohne Stress!“. Es ist schon komisch, wenn man in die Zeitwertung reinfährt und man sich nicht vorstellen kann Vollgas zu fahren „all out“ … und es tut auch in der Seele weh. Es hat mir immer mega Spass gemacht mich grün und blau zu fahren, sich nach oben zu treiben, sich zu puschen, die letzten Kilometer durch zu halten, über die Ziellinie zu fahren und es wieder geschafft zu haben. Ich hoffe das kommt wieder zurück…
Und ja, die 5 Kilo zu viel die spürt man ganz deutlich auf meine Größe. Am meisten nerven mich die Kommentare „Oh das steht Dir aber gut“ „Ja im Alter ist das ganz normal“ „Ist doch nicht so schlimm“ „Das sieht man aber nicht“. FUCK! Das sind keine 1-2 Kiloschwankungen, keine Kilos die man über Jahre angefressen hat! Keiner glaubt einem, dass die wirklich von heute auf morgen kommen, dank dem Hormon Cortisol. Es ist als hätte jemand einen Schwimmreifen mit Wasser gefühlt und heimlich über Nacht umgeschnallt. 
Geduld, nicht meine Stärke aber es hilft halt nichts, ich esse regelmäßig und nehme die Tropfen von Gabriela. Mir geht es auch deutlich besser, habe nicht mehr das Gefühl so aufgeschwemmt zu sein und nach dem Giro delle Dolomiti habe ich nochmal ein bisschen Umfang verloren. Es ist sicher noch ein längerer Weg wieder einigermaßen Form zu bekommen, sei es körperlich oder sportlich. Wichtig ist nicht mehr in diesen Strudel zu gelangen. Yoga und Meditation stehen fix auf dem Plan. Zum Glück werde ich in Zukunft weniger im Job reisen dadurch auch deutlich weniger Stress haben. 
Ich habe mit viele Gespräche geführt und schnell gemerkt, dass ich nicht die einzige bin die mit dieser Problematik, dem Übertraining kämpft. Ich denke, viele sprechen nicht darüber oder erkennen es nicht gleich. Im Internet findet man zwar Artikel darüber, aber nie über weiters Verhalten oder Lösungen. Ich hoffe, dass ich schnell wieder mein normal Gewicht bekomme und wieder Spaß am „beißen“ am „sich selber quälen“ haben werde. 

Ich habe diesen Bericht über meine Erfahrung mit Übertraining geschrieben, um Lösungen zu zeigen und zu motivieren, da man in diesem akuten Zustand oft hilflos ist.  

Mein Vorgehen:

  • Sofortige längere Pause
  • Gesunde Ernährung, kompletter Verzicht auf Alkohol
    (da die Leberwerte durch das Übertraining schon schlecht sind)
  • Homöopathische Unterstützung und Blutkontrolle durch Gabriela Hoppe 
  • Regelmäßig Yoga und Mediation
  • „Stressherd“ erkennen und versuchen zu ändern
  • Langfristiges Umdenken und Verbesserung der Arbeit-Training-Regeneration-Balance
  • Intensiverer Kontakt mit dem Trainer 
  • Verwendung von SuperOp

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